Liebe Eltern,
In der Bauernhof-Reitschule bekommen Kinder ab vier Jahren die Chance, Pferde kennenzulernen und Reitfähigkeiten zu erwerben. 800 kg Pferd gegen 20 kg Kind - 1,75 m Stockmaß gegen 1,20 m Scheitelhöhe: Ungleicher geht's kaum!
Ihr Kind wird sehr bald die Erfahrung machen, dass Pferde in Wahrheit ganz anders sind, als es sich das vorgestellt hat.
Pferde sind nicht die treuen Kumpels aus dem Fernsehen, die freiwillig alles für ihren Menschen tun - sie können so werden, aber dafür muss der einzelne Mensch eine Menge Vorarbeit leisten.
Ziel meiner Arbeit ist es, Ihrem Kind zu vermitteln, wie Pferde w i r k l i c h sind und ihm das Rüstzeug mitzugeben, jenseits von Furyträumen im Alltag mit w i r k l i c h e n Pferden zurechtzukommen. Dabei wird Ihr Kind eine Menge neuer Eindrücke mit nach Hause bringen, und Sie als Familie werden quasi mit der seelischen Nachsorge betraut.
Die guten Efahrungen münden ganz von selbst in Freude und Selbstvertrauen. Bei der Aufarbeitung unangenehmer Erfahrungen bin ich auf Ihre Unterstützung als Eltern dringend angewiesen.
Bitte stellen Sie sich für Ihr Kind folgende Situationen vor:
- Bei einer gestellten Aufgabe gehorcht das Pferd Ihrem Kind noch nicht, weil es seine Körpersprache noch unbeholfen einsetzt.
- Das Pferd jagt durch Kopfschütteln Fliegen davon. Ihr Kind konnte dies noch nicht abschätzen. Es wird getroffen und hat eine Beule.
- Das Pferd macht eine für Ihr Kind unerwartete Bewegung. Ihr Kind verliert das Gleichgewicht und fällt herunter.
- Alle anderen Kinder bewältigen eine gestellte Aufgabe. Ihrem Kind aber gelingt sie noch nicht.
Um es klar vorwegzunehmen: Solche unangenehmen Erfahrungen werden eintreten!
Wer reiten lernt, erlebt Hilflosigkeit. Wer reiten lernt, muss Schmerzerfahrungen verarbeiten. Wer reiten lernt, hat Angsterlebnisse. Wer reiten lernt, wird deutlich mit eigenem Unvermögen konfrontiert.
Solche Erlebnisse können - auch wenn sie auf uns Erwachsene gar nicht so dramatisch gewirkt haben - besonders für kleinere Kinder bereits seelische Grenzerfahrungen sein.
Aber: Die Verarbeitung gerade dieser unangenehmen Erfahrungen ist für den werdenden Reiter unendlich wichtig! Viel mehr, als in jeder anderen Sportart!
Die Ursache dafür liegt in der Psyche des Pferdes begründet. Das Pferd als Herdentier lebt in einer sehr starken Rangordnung. In dieser Hierarchie bürgt der Ranghohe für die Sicherheit des Rangniederen. Ein rangniederes Pferd gehorcht dem Ranghohen nur, weil und so lange der Ranghohe für seine Sicherheit einsteht. Dabei haben Pferde eine unendlich sensible ANtenne für Unsicherheit und Unentschlossenheit. Ist der Ranghohe in seiner Führungskraft nicht mehr glaubwürdig, füllt der Rangniedere sofort diese Verantwortungslücke und beginnt, selbst zu führen. Dieses Verhalten, das wir Menschen als Ungehorsam empfinden, ist für die Herde überlebenswichtig, denn eine Herde ohne Sicherheitsgarant ist schon so gut wie tot.
Möchte Ihr Kind die Reiterei ernsthaft weiterbetreiben, muss es lernen, den Posten des ranghohen Sicherheitsgaranten glaubwürdig auszufüllen. Das ist für ein kleines Kind mit seinem eigenen Anlehnungs- und Sicherheitsbedürfnis eine wahrhaft gewaltige Aufgabe. Denn es muss sich nicht nur wirksam bewegen, sondern vor allem sich mutig, entschlussfreudig und verantwortungsbewusst fühlen, damit es für sein Pferd ein vertrauenswürdiger Herdenchef wird. Unsicherheit, Ärger, Hektik oder mangelnde Entschlussfreude straft das Pferd sofort, indem es selbst die Führung übernimmt.
In eine solche Aufgabe können Kinder nur langsam hineinwachsen. Erfolge stellen sich nur in winzigen Schritten ein, und Misserfolge begleiten einen stetig. Ein wesentlicher Teil meiner Aufgabe als Ausbilderin besteht darin, Ihrem Kind seine kleinen Erfolge fühlbar und bewusst zu machen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass Unangenehmes als gemeisterte Schwierigkeit erlebt wird und nicht als Versagen.
Es ist absolut wesentlich, dass Ihr Kind ein an sich negatives Erlebnis nicht dauerhaft mit einem negativen Gefühl verbindet. Im ersten Moment lässt sich das natürlich nicht vermeiden. Der Schreck ist erst mal da. Ich als Ausbilderin setze alles daran, dass Ihr Kind das soeben Erlebte nicht als Katastrophe wahrnimmt, sondern als g a n z n o r m a l e Aufgabe von vielen, die ein Reiter nun einmal bewältigen muss. Und Ihr Kind hat diese Aufgabe ganz hervorragend gemeistert!!! Es gibt kaum ein Malheur, an dem es nicht doch irgendetwas zu loben gäbe! Das Erleben selbst konnte ihm niemand abnehmen. Aber ihre eigene Bewertung überprüfen Kinder sehr stark an dem, was die Erwachsenen davon halten. Und keine Bewertung wiegt stärker als Ihre - die der Eltern!
Bitte helfen Sie Ihrem Kind, die Erlebnisse auf dem Konto 'gemeisterte Aufgaben' zu verbuchen! Überlassen Sie dem Kind, zu beurteilen, was eine schwere Aufgabe war! Die Ansicht 'Stell Dich doch nicht so an!' ist ebenso gefährlich wie die Äußerung eigener Ängste! Stellen Sie Ihre eigene Besorgnis zurück! Lassen Sie sich ausgiebig berichten! Zeigen Sie sich stolz und beeindruckt, wie gut Ihr Kind mit dem Erlebten zurechtgekommen ist!
Nur, wenn Ihr Kind äußerste Gelassenheit im Umgang mit Schwierigkeiten erwirbt, wird es diese besondere Ausstrahlung von Stärke und Selbstbewusstsein bekommen, die ein Pferd so sehr braucht, um zu vertrauen und zu gehorchen.
Reiten in diesem Sinne ist kein Sport. Es erfordert eine immense, seelische Beteiligung. Die kann Ihr Kind ohne die intensive Begleitung durch die Familie nicht leisten. Eltern erfolgreicher Reitkinder sind daher weit mehr als nur Sponsoren und Chauffeure - Ihr Kind braucht Sie als Coach!
|