Schritt kommt von schreiten. Zumindest theoretisch. Käme es von zackeln, hieße es Zick. Warum nur ist es so schwer, wirklich freies, taktreines Schreiten zu erarbeiten? Auf der Wiese zeigen die allermeisten Pferde doch freiwillig einen sauberen Schritt. Aber sobald der Mensch anfängt, ausbildend einzuwirken, bricht Unordnung los.
Wer sich auf die Suche nach der im Dressursinne 'reinen' Gangart seines Pferdes begibt, muss zunächst lernen, sehr genau hinzuschauen. Für das Pferd ist die Gangart Schritt nicht nur Fortbewegung im sportlichen Sinn, sondern wieder einmal Kommunikation. Die Art, WIE es schreitet, gibt seinen Herdenkumpels eine Vielzahl an Informationen über die erlebte Umwelt.
Der Bewegungsablauf beim entspannten Pferd
Ein Pferd kann nur in einem sauberen Viertakt raumgreifend schreiten, wenn es emotional 'befürchtungsfrei' ist, wenn es also momentan keinen Umweltreiz verarbeitet, der Anlass zur Flucht bietet. Dann geschieht folgendes:
Aus einer Horizontalen, die in etwa in Höhe des Widerristes angesiedelt ist, pendelt das Pferd mit dem Hals vorwärts-abwärts. Beim Abwärtspendeln wird Muskelarbeit geleistet, d.h. es wird 'aktiv am Rücken-Nackenband gezogen'. Beim Aufwärtspendeln bis an die Horizontale heran wird die erzeugte Muskelspannung wieder gelöst. Das Pferd bleibt dabei mit dem Kopf vor der Senkrechten.
 

Beim ersten Abwärtspendeln wird der Rücken aufgewölbt. Der Zug wirkt durch bis in den Hüftbereich und öffnet hier die Hebelmechanik der Hinterhand so, dass das Pferd mit einem Hinterbein unter den Körper vorgreifen kann. Das anschließende Aufwärtspendeln befreit eine Schulter und macht einem Vorderbein Platz zum Vorgreifen. Das nächste Abwärtspendeln bereitet den Raum unter dem Rücken für das zweite Hinterbein. Das zweite Aufwärtspendeln befreit die zweite Schulter nach vorn. Mit zwei abgeschlossenen Pendelbewegungen des Halses waren alle vier Füße einmal in Betrieb. Ein schreitender Viertakt ist vollendet. Entscheidend ist hier, dass das Pferd mit der Stirnlinie VOR der Senkrechten bleibt.
Die Bedeutung der senkrechten Stirnlinie
Ich möchte Sie bitten, einmal folgendes Selbsterfahrungs- experiment auszuprobieren:
Sitzen oder stehen Sie aufrecht. Nehmen Sie das Kinn auf die Brust. Versuchen Sie nun, Ihren Kopf in 'Dehnungshaltung' vorzuschieben. Wo endet das Zuggefühl in Ihrem Rücken? Sie werden feststellen, dass Sie mit dem Kinn auf der Brust nur einen Zug bis zum Ende Ihres Schulterbereiches erzeugen können. Sie erreichen in dieser Körperhaltung Ihren Hüftbereich nicht.
Nun schieben Sie in einem zweiten Anlauf Ihr Kinn zunächst vor und nehmen dann 'Dehnungshaltung' ein. Dann passiert zweierlei: Der Zug geht erstens durch bis in den Hüftbereich. Sie wölben automatisch den Rücken. Und zweitens: Sie können diese Bewegung nicht ausführen, ohne unterstützend die Bauchmuskulatur mit einzusetzen!
Damit beim Abwärtspendeln tatsächlich die Hüftmechanik zum Untertreten geöffnet wird, muss das Pferd also zwingend die Stirnlinie VOR der Senkrechten behalten – es muss quasi das Kinn vorschieben. Sonst nützt die ganze Pendelei nichts. Mit eingerolltem Hals klemmt das Pferd in der Schulter. Es wölbt den Rücken nicht auf und zieht die Hinterhand hinter der Hüfte hoch, statt Raumgriff unter dem Pferderücken zu erzeugen.
Der Bewegungablauf beim sorgenvollen Pferd
Beim Abwärtspendeln aus der Widerrist-Horizontalen kann das Pferd nur im Nahbereich sehen. Es muss sich also seines Lebens absolut sicher sein, um in dieser Manier zu schreiten. Löst ein Umweltreiz ein Kontrollbedürfnis aus, ändert sich die Mechanik:
Das Pferd beginnt, aus der Horizontalen AUFWÄRTS zu nicken. Diesmal ist das Anheben des Halses mit Muskelarbeit verbunden. Das Abwärtsnicken an die Horizontale hebt den Muskeltonus wieder auf. Aber auch hier behält das frei laufende, nicht von Zügel oder Hilfszügel bedrängte Pferd die Stirnlinie deutlich vor der Senkrechten. Dabei wird die Hebelmechanik in der Hüfte nach hinten geöffnet. Das Pferd stellt die Hinterhand sprintbereit hinten heraus und ist für alle Fluchtbedürfnisse startklar. Die Lendenwirbelsäule weicht im Stressbereich nach VORN OBEN aus, um die Sprintmechanik freizusetzen. Das mündet im gehobenen Stressbereich im aufwärts getragenen Schweif. Der wird nicht hoch erhoben getragen, weil das Pferd so beeindruckend aussehen möchte. Sondern weil es das Öffnen der Sprintmechanik bis zur letzten Konsequenz unterstützt.

Für Pferde als Muskelleser im Herdenverband ist dieser Umschaltprozess zwischen Aufwärts- und Abwärtsarbeit des Halses und entsprechender Umformung der Kruppenaktivität ein klares optisches Signal, das alle angeht. Mit dem Umschalten ins Aufwärts wird die Aufmerksamkeit aller anderen angefordert. Mit dem Umschalten ins Abwärts wird Entwarnung gegeben. Das Pferd erwartet, dass es mit seinem Menschen – sei es beim Führen, Longieren oder Reiten – genauso kommunizieren kann. D.h. es erwartet eine entsprechende Antwort.
Die Wirkung von Gebiss und Zügel
Gesetzt den Fall, der Reiter wäre in der Lage, wie unter 'Das gerittene Tief' beschrieben, alle Kommunikationsansätze des Pferdes wahrzunehmen und zu beantworten. Dann geht das nur, wenn die Reiterhand das Abwärtspendeln des Pferdehalses in keiner Weise behindert. Wenn also die Reiterhand den jeweils anatomisch einzigartigen Pendelbogen seines speziellen Pferdes so perfekt begleitet, dass das bewegte Gebiss im sich identisch bewegenden Pferdemaul zur Ruhe kommt und schweigt – bis tatsächlich Sprachbedarf besteht. Die Anatomie des Pferdes spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ein moderner, langrückiger und langhalsiger Warmblüter pendelt nun einmal anders als ein Hafi – ein Spanier anders als ein Isländer. Das einzige Kriterium, wie intensiv die Reiterhand die Bewegung begleiten muss, dürfte also sein, das Gebiss bei DIESEM Pferd zum Schweigen zu bringen. Und erst in dem Maße, wie das Pferd wirksamen, versammelten Schritt erlernt hat, wird das Pendeln berechtigt weniger. Denn je mehr das Pferd ehrliche Hankenbeugung erreicht und durchhalten kann, stabilisiert es die Rückenbrücke und pendelt anatomisch berechtigt weniger. Dies ist aber ausschließlich von hinten nach vorn wirksam! Tragkraft hinten reduziert Pendeln vorn, nicht reduziertes Pendeln vorn erzeugt Tragkraft hinten!
Diesen hohen Ausbildungsstand ereichen die meisten Gebrauchs- und Freizeitpferde nicht. Zur Gesunderhaltung des Freizeitpferdes ist der versammelte Schritt auch nicht erforderlich. Eine korrekte Dehungshaltung dagegen ist unverzichtbar.
Und die Realität ?
Was sieht man nun üblicherweise – von Richtern wie Reitlehrern gefordert und befördert – in den bekannten Unterrichtsstunden?
Da kämpfen bemühte Reitschüler auf der Suche nach der 'weichen, einfühlsamen Hand' um still getragene Hände. Wer hat die Anweisung: Du sollst nicht sägen!!! noch nicht erduldet? Was im Trab ja auch anatomisch seine Berechtigung hat, wird im Schritt zum Mechaniktöter. Die stillstehende Hand macht den Zügel quasi zum Ausbinder. Zwar ist die Ansicht, ausgebunden im Schritt zu arbeiten sei falsch, ja durchaus der Lehrmeinung entlehnt und verbreitet. Dass das für die geführten Zügel genauso gelten muss, ist als Widerspruch aber nicht enttarnt. Dem Pferd bleibt, sobald im Schritt die Zügel aufgenommen werden, nichts anderes übrig, als erzwungen durch die Reiterhand ins Aufwärtsnicken auszuweichen. Es kann Kopf und Hals ja nur auf einem Kreisbogen um die starre Reiterhand bewegen. Damit wird es exakt in die Signalhaltung gezwungen, die von allen anderen Fluchtbereitschaft beansprucht. Man muss sich einmal klarmachen, was es für das Pferd bedeutet, wenn zehn Pferde trotz fehlenden Fluchtanlasses in Habacht-Nickstellung durch die Halle kriechen! Noch einmal zur Erinnerung: Ein Pferd kann nicht lügen! Und es erwartet von seinen 'Mit-Pferden' – von Herdenkollegen kann man bei derartiger Zusammenwürfelung von Zufallsgruppen ja nicht reden – dass diese ebenfalls nicht lügen können! Wenn da auch nur irgendeiner sagt: 'Achtung, ich bin fluchtbereit!' dann muss real auch ein Anlass zur Wachsamkeit vorliegen! Also sucht das Pferd in seiner Not, die anderen zu begreifen, nach jedem Strohhalm, der brenzlig sein könnte. Jeder Lichtfleck am Boden, jede Decke auf der Bande, jedes Geräusch draußen wird zum Ventil, diesen emotionalen Dauerdruck loszuwerden. Und fängt einer an, sprinten alle dankbar mit in der Hoffnung, dass es damit dann wohl endlich gut gewesen ist! Leider klemmt die Reiterhand danach noch konsequenter, und die nächste Eruption ist vorprogrammiert.
Was muss passieren, um dieses Desaster abzustellen?
Der Pferdemensch entwickelt zunächst ein inneres Bild von dem Pendelbogen, der bei seinem einzigartigen Partner Pferd zum starken Schritt gehört. Dazu hilft es, das Pferd – eventuell mit einem Helfer oder unter Videobegleitung – im Halten aufzustellen und es wechselweise ins Tief zu schicken bzw. zum Anheben des Halses zu veranlassen. Gesucht ist zunächst die Ruhelage von Hals und Rücken. Also die Kopf-Halsposition, bei der das Pferd vom Aufwölben des Rückens ins Durchhängenlassen des Rückens wechselt. Die Horizontale über dem Widerrist ist hier ein guter Näherungspunkt. Aber Vorsicht: Bei Pferden mit sehr tief angesetztem Hals kann der Wirkpunkt auch wesentlich tiefer liegen bzw. bei hoch angesetzten Hälsen höher! Es kommt auf die Anatomie exakt DIESES Pferdes an.
Habe ich die Ruhelage geortet, schicke ich das Pferd daraus so weit ins Tief, bis ich im Rücken keine Aufwölbungstendenz mehr feststellen kann. Das ist der untere Endpunkt der Pendelbewegung. Die Form des Bogens, die später ja auch meine Hand beschreiben muss, kann ich nur in der Bewegung abschätzen. Wer sein Pferd auf der Weide beobachtet oder am Halfter frei longieren kann, wird mit einiger Aufmerksamkeit sehr schnell erkennen, ob das ein eher vorwärtsgestreckter, flacher Bogen oder ein abwärtsgeneigter, kurzer Bogen ist.
Die Hauptarbeit besteht darin, das Pferd trotz angefasstem Zügel zu ermuntern, diesen anatomisch optimalen Pendelbogen mit dem Hals auch wieder auszuführen. Dazu muss die Reiterhand diesen Bogen fordern und zulassen, ohne den zentrierten Sitz zu verlieren! Die Hand wirkt vorwärts-abwärts, nicht der Rücken ruckelt vor und zurück! Das geht nur aus einem angewinkelten Ellenbogen heraus. Wer mit verdeckten Fäusten und vor den Körper gestreckten Armen unterwegs ist, kann den Pendelbogen nicht initialisieren, ohne den Rücken mitzunehmen. Das zerstört Balance. Die als Sekundenbruchteilsimpuls gesetzte, treibende Hilfe zeigt dem Pferd den wirksamsten Moment, in dem die Hinterfüße tatsächlich unter den Rücken passen, weil Hals und Bauchmuskulatur das Aufwölben erwirkt haben. Das macht die treibende Hilfe wieder wirksam, weil sie dem Pferd ein Erfolgsgefühl verschafft: Das klappt ja wirklich, was der da oben mir zeigt! Je wirksamer die treibende Hilfe wird, desto sparsamer kann ich damit umgehen. Echter Fleiß kehrt zurück. Entwickelt das Pferd ein Eigenbestreben, ins Aufwärtsnicken umzuschalten, kann ich dies als berechtigte Sicherheitsfrage zuverlässig beantworten. Es braucht maximal zwei Schrittzyklen, und das Pferd kehrt dankbar freiwillig ins Abwärtspendeln zurück. Setze ich diese Technik unbeirrbar um, tritt das Pferd von selbst nach einer Weile des berechtigten Verarbeitens von Misstrauen an das schweigende Gebiss heran. Es hat keinen Anlass mehr, sich zu verkriechen oder draufzulegen, denn außer verständlichen und klugen Antworten hat es am Gebiss keinerlei Malessen zu befürchten. Nur die identisch bewegte Hand am sich bewegenden Maul kann schweigen. Die stillstehende Hand redet nicht nur Unsinn, sondern prophezeit dem Pferd Unheil. Und das Pferd ist nun einmal zum Glauben verdammt. Denn es kann nicht lügen!
Anschauungssache ...
Wie subtil und unspektakulär diese Kommunikation aussieht, zeigt der Levy in der folgenden Sequenz. Zur Erinnerung: Das Pferd ist bei den Aufnahmen 19 Jahre alt und hat die längste Zeit seines Lebens Anfänger ans Reiten herangeführt. Da Anfänger nun einmal Lernende sind, hat der Levy einiges an Ungeschicklichkeit einstecken müssen und hegt gegenüber Reiterhilfen ein begründetes Misstrauen. Dennoch schreitet er am hingegebenen Zügel ungezwungen und entspannt. Dann erregt irgendein Umweltreiz seinen Argwohn. Er schaltet ins Aufwärtsnicken um. Die Antwort - Ausatmen und 'Reiterpöter erweichen' - sieht auch der vorgewarnte Betrachter allenfalls an einem leichten Absenken des Brustbeines der Reiterin. Nach vier Aufwärtsaktionen des Halses = zwei vollständigen Schrittzyklen ist das Thema vom Tisch. Das Abwärtspendeln folgt spontan und zuverlässig.
In der folgenden Sequenz wechselt die Reiterin drei Mal von der begleitenden zur starren Hand und wieder zurück. Der Levy schaltet jedesmal sofort um ins Aufwärtsnicken. Beim dritten Mal bleibt er vor Schreck gleich ganz stehen. Setzt die begleitende Hand wieder ein, kann man an dem genervten Abwärtsruck mit Einrolltendenz des Pferdekopfes erkennen, dass der Levy ein solches Verhalten von 'diesem seinem Menschen' eigentlich nicht gewöhnt ist. Es braucht einige Schritte, um das erzeugte Misstrauen wieder zu entkräften. Danach fließt der Schritt wieder. Besonders spannend und aussagekräftig ist es, die Kruppenbewegung zu beobachten. Würde man beim freien Schreiten das Abwärts der Kruppe als den dominierenden Bewegungsimpuls zählen, weicht die Kruppe bei blockierender Hand nach vorn oben aus. Der Beobachter zählt intuitiv das 'hoch, hoch, hoch, ...' als den dominierenden Bewegungsimpuls. Die Hinterhand tritt sofort zögerlich. Sie wartet gewissermaßen ab, wie viel Platz die blockierte Schulter nach vorn freiräumt und kriecht dann hinterher. Der Antrieb hinten ist massiv gestört. Eine treibende Hilfe geht so niemals von hinten nach vorn durch. Wird dennoch massiv getrieben, erzeugt man Pass oder Zackelei und in jedem Fall ein Abstumpfen der treibenden Hilfe.
Gefühlte Anlehnung: 'Draufliegung' oder 'Hinterkriechung' ?
Die Frage, wie synchron die Reiterhand den individuellen Pendelbogen begleitet, ist unabhängig von der Frage, wie deutlich die Anlehnung gewählt werden muss. Ein Pferd, das sich vorher konsequent hinter den Zügel verkrümelt hat, wird man übergangsweise mit sehr loser Anlehnung synchronisieren müssen. Ein Pferd, welches sich auf den Zügel lümmelt, wird tendenziell eine etwas festere Anlehnung abfragen. Entscheidend für den Anfang ist: Wie intensiv muss der Kontakt sein, damit speziell dieses Pferd mir wieder zuhört? Ein allgemein gültiges Richtig oder Falsch gibt es dabei nicht. Nur ein Glaubwürdig oder Unglaubwürdig. In jedem Fall tut man gut daran, es zunächst mit möglichst wenig zu versuchen. Ziel ist ein Pferd, welches die Mischung aus viel Schweigen und wenigen, verständlichen, klugen Hinweisen so fasziniert, dass es begierig mit dem Maul am Gebiss anfasst und von selbst um Audienz ersucht. Dann ist erreicht, was die Reitlehre als Anlehnung definiert: Eine stetige Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul, die vom Pferd gesucht und vom Reiter gestattet wird. Schade nur, dass Lehre und Lehrwirklichkeit hier Meilen weit auseinanderklaffen. Wer den Grundsatz: 'Schweigen und helfen statt fordern und triezen!' zur Maxime seiner Hilfengebung macht – nicht nur in Bezug auf den Zügel, sondern ebenso auf Gewicht, Bein und alle anderen Hilfsmittel – ist regelmäßig überrascht, dass man mit so viel 'Wenig' so viel Motivation erreichen kann. Eine unwirksame Hilfe wird nicht dadurch wirksamer, dass man sie verstärkt. Aber eine wirksame Hilfe wird dadurch wirksamer, dass man sie vermindert.
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